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Eidgenössische Jury für Literatur, 2017

Jury

Vielsprachiges Glück

 

In der Schweiz und auf der ganzen Welt gibt es viele Literaturpreise. Aber nur wenige von ihnen verfügen über eine Jury, die in verschiedenen Sprachen liest und diskutiert.

Die Schweizer Literaturpreise zeichnen innerhalb eines einzigen Landes Werke in vier Sprachen aus und sind somit ein Sonderfall. Meiner Meinung nach ein äusserst glücklicher Fall.

Während der Tage der Beratungen in der Jury, die ich präsidieren darf, wird die Schweizerische Nationalbibliothek für mich zu einem ganz besonderen Ort. Isoliert im geschlossenen Raum, in dem sich die Jury in eifriger und begeisterter Stimmung trifft, ertönen die verschiedenen Sprachen, kreuzen sich und wechseln sich ab. 

Jedes Jurymitglied verfügt über mindestens zwei Landessprachen.

Es ist ein seltener Ort, an dem sich das literarische Schaffen aus allen Regionen der Schweiz mit seinen verschiedensten Büchern versammelt. Ein Ort, an dem Expertinnen und Experten – aber vor allem auch Literaturbegeisterte – diskutieren, erzählen und die Texte verteidigen, die sie gelesen und geschätzt haben. 

Es wird oft zugehört in dieser Jury und es herrscht eine grosse Aufmerksamkeit den anderen gegenüber, die sich in ihrer Sprache ausdrücken, einer Sprache, die zuweilen nicht die eigene Muttersprache ist, die wir uns aber durch das Lesen und den Austausch aneignen. Die Juryarbeit ist eine schöne Art, sich bewusst zu werden, was es bedeutet, in der Schweiz zu leben.

Wir haben in diesem Jahr viele gute Bücher gelesen. Mit unserer Arbeit wollten wir nicht Werke beiseiteschieben, sondern diejenigen Werke hervorheben, die bei der Jury mit all ihren Sprachen und in ihrer ganzen Vielfalt am meisten Begeisterung auslösen konnten. Wir haben nicht ausgeschlossen, wir haben ausgewählt mit der Idee, dass die Mehrsprachigkeit der Jury sich auch in einer Auswahl niederschlagen soll, welche die anderen berücksichtigt und Unterschiede hervorhebt, die uns bereichern: Unterschiede zwischen den Regionen der Schweiz, zwischen männlich und weiblich, zwischen den Stilen. 

 

Eléonore Sulser