Zsuzsanna Gahse


Schweizer Grand Prix Literatur 2019

Zsuzsanna Gahse

«Es ist schön, das Schreiben» lautet der erste Satz in Zsuzsanna Gahses erstem Buch Zero – so lapidar verschreibt sich jemand dem Schreiben, ohne nach Karl Valentin «macht aber viel Arbeit» hinzuzufügen. Arbeit gemacht haben sie wohl, die über vierzig Bücher und unzählbaren Veröffentlichungen «im Zwischenraum zwischen Prosa und Poesie». Angeregt von Musik und bildender Kunst erfand die Autorin Genres wie «konzertantes Theater», «liedrige Stücke», «monochrome Texte», «Stillleben» und «instabile Texte». Aus letzteren ein Zitat: «Um allen Missverständnissen vorzubeugen: das Wort Migration hängt nicht mit Migros zusammen, Migration heisst Wanderung. Aber Migros ist ebenfalls eine Art Fremdwort, und ohnehin fallen einem durch Fremdwörter gleich weitere Fremdwörter ein, wobei in diesem Fall die Verwechslung aufschlussreich ist, da es immer die Fremden sind, die migrieren. Migräne.»
Vieles lässt sich aus dieser Passage lesen: das Interesse der Autorin für Sprache, für Wörter, für ihre Verwandtschaft, ihre Fremdheit, ihre Vergangenheit und Zukunft. Witz und Ironie mit ihrer keineswegs nur spielerischen Seite. Die Beobachtung gesellschaftlicher Phänomene, der Sprachklang der Alliterationen, der Tempowechsel vom verschlungenen Satz zum einzelnen Wort.
Zsuzsanna Gahse stellt Wörter in den Raum, öffnet Räume mit Wörtern. Es sind instabile Räume: Vorübergehend bewohnte Zimmer, Häuser, in denen die Möbel abtransportiert werden, Landschaften mit wechselndem Licht und fliessenden Flüssen, deren einer – die Donau – sie in Würfel giesst, gebaut aus zehn Quadraten mit zehn zehnsilbigen Versen.
Ihre Städte und Dörfer, Berge und Täler, Menschen und Tiere stehen für sich, mit konkreten Beobachtungen, denn «um Symbole», heisst es im Südsudelbuch, «mache ich einen weiten Bogen». Ihre Sätze setzen den geronnenen Gemeinplätzen etwas Lebendiges entgegen. «Fast alle sagen, was alle sagen» steht in Siebenundsiebzig Geschwister. Sie gehört zu den wenigen anderen. Wie geht es dem Text? fragte sie in ihren «Bamberger Vorlesungen». Wenn seine Autorin die Dichterin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse ist: Ausgezeichnet. Danke.